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| Eine lange Geschichte... |
Aufzeichnungen von Sebastian Dani 1977 |
Der St. Martins-Ausschuss Bonn -
Eine lange Geschichte...
Aus dem Gästebuch des Ausschußes:
Wer nicht einen Martinsabend am Rhein gesehen und erlebt hat, weiß nicht, wie tief das Andenken des barmherzigen Reitersmannes in unserem katholischen Volke verankert ist.
An diesem Abend steigt er herab von den Giebeln der Münster und Dome und reitet leibhaftig auf seinem Schimmel durch die Stadt, umstrahlt vom Glanz unzähliger Fackeln und gefolgt von einer froh erregten Kinderschar, die immer wieder von neuem uralte Weisen anstimmt: »Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind...«
Tief in versunkene Jahrhunderte des Mittelalters muss der Brauch hinabreichen, dass die Kinder unserer Vaterstadt das Fest des Heiligen mit dem leuchten ihrer bunten Fackeln und frohen Augen schmückten, doch erst dem Stadtdechanten Hinsenkamp und Münsterschuldirektor Zender war es vorbehalten, im Jahre 1920 den eigentlichen Martinsumzug zu stiften und zu organisieren. Sein Zweck sollte ein freudiger und mildtätiger zugleich sein als symbolische alljährige Wiederkehr jener Liebestat, die im Jahre 335 vor den Toren Amiens geschah.
Die Verteilung von Weckmännern an alle Schulkinder, die Sammlung von Liebesgaben und die Verlosung von Gänsen zum Besten von Waisen und Armen unserer Vaterstadt sollte zu den Hauptaufgaben des Martins-Ausschusses gehören, der sich auf Allerheiligen 1920 im "Hähnchen" konstituierte und erstmalig zusammenfand. Hier übertrug man auch das Amt des St.Martin an Herrn Josef Weiden, der am besten mit dem einzigen Schimmel der Stadt umzugehen verstand und sich seiner ehrenvollen Aufgabe auch in den folgenden 30 Jahren zur Zufriedenheit und Freude der Bevölkerung entledigt hat. Aber auch die finanzielle und organisatorische Erstellung des eigentlichen Umzuges musste vom Martins-Auschuss bewältigt werden. Auf der Hofgartenwiese sammelten sich die Kinder aller Schulen unserer Stadt; alle Konfessionen nahmen vorurteilsfrei teil. Musikkapellen und Spielmannszüge und der Wagen mit den zur Verlosung gelangenden Gänsen, begleitet von Gänselieseln und -buben in bunter Tracht, ordneten sich zwischen die Tausende von erwartungsfrohen Kindern, die ihre Fackeln meist in wochenlanger emsiger Arbeit aus Holz und Buntpapier gebastelt oder aus Knollen geschnitzt hatten. Dann senkte sich die Dämmerung der Martinsvigil über die große Schar der Wartenden; die Kerzen wurden entzündet, St.Martin bestieg sein stattliches Ross und dann zog der glänzende Festzug singender Kinder durch die Straßen, deren Häuserfronten in hellem Licht erstrahlten. Auf dem Markt nahm St.Martin Aufstellung vor dem Rathaus und ließ alle Kinder an sich vorbeiziehen. Zum Schluss fand sich die Jugend auf dem Münsterplatz ein. In rotem Schein erstrahlten das alte, ehrwürdige Münster und der Martinsbrunnen; St.Martin redete zu seinen Getreuen und noch einmal erklang die altbekannte Weise vom »Hellije Zinte Mätes« in den Himmel. Aus den Spenden der Bonner Bürgerschaft und dem Reingewinn der Lose konnten Jahr für Jahr die Ärmsten der Armen, die Waisenkinder, die Hungernden und Frierenden mit Geld und Sachwerten beschenkt werden.
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Programm des 1. Bonner Martinszuges |
Alle politisch und wirtschaftlich schweren Jahre, die Kriegs- und Nachkriegsjahre wurden von diesem tiefsten, edlen Sinn des Martinsfestes überwunden. Aber besonders nach dem zweiten Weltkrieg gestaltete sich dieses Problem nicht leicht. Schwierig war die Beschaffung von Mehl und Zucker für die gewohnten Weckmänner; viele Kinder hatten nicht die notwendige Fußbekleidung und hätten im langerwarteten Lichterzug nicht mitgehen können, wenn es nicht gelungen wäre, Schuhe zu beschaffen; ebenso gestaltete es sich nicht leicht, in der Bevölkerung, welche nach den niederdrückenden Kriegsjahren und in der Zeit des Mangels an primitivsten Lebensnotwendigkeiten verständlicherweise wenig Aufgeschlossenheit für echte Festfreude besitzen konnte, wieder lebendige Anteilnahme am Martinszug zu wecken. Aber entgegen allen Schwierigkeiten wurde auch unter solch ungünstigen Bedingungen der Martinsabend zum frohen Ereignis für Jung und Alt, und im Jahre 1950 krönte sich die schöne Tradition durch das 30jährige Jubiläum des St.Martin-Darstellers Josef Weiden.
Es war im Jahre 1951, als sich der St.Martins-Ausschuß vor die Aufgabe gestellt sah, an die Stelle von Herrn Josef Weiden, der sein Ehrenamt nach 30jähriger Ausübung niederlegen wollte, einen anderen Bonner Bürger zu berufen.
Nach etlichen Aussprachen und Überlegungen erklärte sich Herr Hanns Roesberg, welcher bislang schon Mitglied des Ausschusses gewesen war, dazu bereit. Diese Neubesetzung des St.Martin-Darstellers geschah erst kurz vor dem Fest und es blieb wenig Zeit, sich mit gewohnter Zuverlässigkeit auf den St.Martinsabend und seine Aufgaben und Pflichten vorzubereiten. Es galt für Herrn Roesberg, schnell Entschlüsse zu fassen und trotz aller Eile keine Geringfügigkeit zu vernachlässigen, welche die Organisation des Festes mit sich bringt. Und tatsächlich lief die Feier pünktlich und zufrieden stellend ab. Ein Ehrenwagen, in welchem verdienstvolle Mitarbeiter an der Gestaltung des St.Martinsfestes saßen, machte erstmalig die Fahrt im Zug mit, welcher seinen Weg in diesem Jahre auch durch die Vivatsgasse, vorbei am alten Sterntor, einem der wenigen, an die wehrhafte Geschichte unserer Stadt erinnernden Baudenkmäler, nahm. Dort flammten die bunten Fackeln und roten Lämpchen doppelt schön. Auf dem Marktplatz ließ der neue St.Martin alle Kinder, den ganzen langen Zug, singend an sich vorüberziehen und wurde selbst dann anschließend im Rathaus von den Stadtvätern feierlich empfangen und mit einem Ehrentrunke begrüßt.
Froh nahm der St.Martinsabend 1951 in Hause Roesberg bei einem geselligen Beisammensein zwischen den Vertretern von Stadt, Geistlichkeit und Festausschuss seinen Abschluss, wobei Herr Roesberg seinem Vorgänger, Herrn Josef Weiden, zur Erinnerung eine Holzschnitzplastik des heiligen Reitersmannes überreichte. An den beiden folgende Tagen besuchte St.Martin mit Geld- und Sachspenden wie üblich die Kindergärten und Waisenhäuser der Stadt, welche ihn mit reizenden Darbietungen aus Kindermund erfreuten.
Im Jahre 1952 sollte das St.Martinsfest noch einen prächtigeren und ereignisreicheren Verlauf nehmen als im vorangegangenen Jahr, wenn auch ungünstige Witterung und am Nachmittag einsetzender Regen den Kindern bald die Hoffnung genommen hätte, mit ihren selbstgebastelten, aber wetterempfindlichen Fackeln durch die Stadt zu ziehen. Unter dem Geläut der Münsterglocken versammelten sich die Kinder und Zugteilnehmer in der Dämmerung des Festtages im Hofgarten; dort wurde ein Feuer entzündet als sich der Zug in Bewegung setzte. Die Friedenskönigin und die ganze Hofgartenfront der Universität waren angestrahlt; so bot sich Kindern und Zuschauern ein farbenprächtiges Bild. Aber auch die übrigen öffentlichen Gebäude am Wege des Festzuges schimmerten im Verein mit den wie immer fleissig geschmückten Geschäfts- und Privathäusern zur Freude der Bonner Bevölkerung. Auf dem Münsterplatz wartete unterdessen der Nordwestdeutsche Rundfunk, welcher allen Hörern noch am gleichen Abend eine Reportage des schönen Lichterzuges übermittelte. Am alten Sterntor spielte sich eine symbolische Szene ab: St.Martin reichte einem hinzugetretenen Waisenkind vom Pferde herab einen neuen Wintermantel. Unter dem Bogen des Tores standen indessen die Kleinen und Kleinsten des St-Martin-Kindergartens. St.Martin selbst zeigte sich mit einem neuen funkelnden Helm, wie ihn auch sein historischer Vorfahre als römischer Offizier getragen haben mag. Nach dem letzten Vorbeizug auf dem Markt wurden St.Martin und die Insassen des Ehrenwagens im Rathaus von den Vertretern der Stadt empfangen. Alle Kinder erhielten in diesem Jahr einen aussergewöhnlich dicken Weckmann, und die Bastler der schönsten Fackeln wurden mit Buchgaben belohnt. Die beiden folgenden Tage waren für St.Martin wieder durch den Besuch der vielen Waisenhäuser und Kindergärten der Stadt reichlich ausgefüllt. Jubel herrschte bei den Kleinen, und mit vielen brav auswendig gelernten Gedichten wurde dem Reitersmann, der Geld- und Sachspenden überreichte, Dank gesagt. In den Waisenhäusern bot sich ein besonders farbenprächtiges Bild; in bunten Kostümen zeigten die Knaben und Mädchen tänzerische Darbietungen auf ihrer Festsaalbühne. Am Eingangstor des Kinderheims der rheinischen Landesklinik auf der Kölnstraße empfing der Anstaltsleiter St.Martin, ein neuer kleiner Festzug formierte sich und wurde von einer 30 Personen starken Kinderkapelle durch die Anlagen und Gärten des Klinikgeländes geführt, allen Kranken und Zuschauern zur Freude.
Der gesellige Abend zum Abschluss des Festtages im Hause Roesberg vereinte in diesem Jahre Herrn Dechant Stumpe als geistlichen Würdenträger, Oberbürgermeister Busen, Oberstadtdirektor Langendörfer und Stadtdirektor Dani als Vertreter der Stadt, sowie Herren des Polizeistabes und die Mitglieder der St.Martinsauschusses zu frohem Umtrunk. In diesem Jahre waren von den Käufern der Martinslose 60 Gänse zu gewinnen, und die erstmalig öffentliche Verlosung, welche im großen Sitzungssaal des Stadthauses ablief, gestaltete sich spannend und überzeugte all die reichlich gekommenen Zuschauer von ihrer korrekten Handhabung. In vier mit Silberpapier verkleidete Eimer wurden jeweils zehntausend Lose der Serien A bis D geschüttet, und jeweils ein Kind zog aus jedem Eimer nach tüchtigem "Umrühren" fünfzehn Lose, deren Nummern aufgeschrieben und laut verkündet wurden, um ihrem Besitzer eine fette Martinsgans zu bringen.
Zwei Ereignisse sind es im Besonderen, welche die St.Martins-Feierlichkeiten des Jahres 1953 in den Augen einer zukünftigen Betrachtung bemerkenswert erscheinen lassen werden, nämlich die symbolhafte Enthüllung überlebensgroßer Halbplastiken des heiligen Reitersmannes und der Pfarrmärtyrer St.Cassius und St.Florentius an den Giebelseiten der eben neugebauten und eingeweihten Münsterschule, sowie der einmütig im Auschusskreise gefasste Beschluss, den historischen Martinsbrunnen an altem Platze in der Sürst wiedererstehen zu lassen. Erfreulich war es, zu erfahren, dass Gipsabgüsse jener historischen Gänsebubengruppe vom Brünnchen in der Sürst noch auf einem Lagerplatz der Stadt, in Kisten verpackt, Krieg und Nachkriegswirren überdauert hatten und so die Kosten für ein Wiedererstehen der alten Bonnern lieb gewordenen Stätte beträchtlich verringern helfen werden. Doch erinnern wir uns der Ereignisse in ihrer Reihenfolge: Schon Wochen vor dem eigentlichen Fest hatte man in der Presse Notizen und Bilder über die Arbeiten des Künstlers Schoneweg gesehen, welcher die bekannte Mantelszene nach einem kleinen Gipsmodell in großen Betonquadern schuf, eine künstlerisch befriedigende Würdigung des Heiligen, der über ganz Bonn und die Martinspfarre im Besonderen seit Jahrhunderten seine Hand hält. Um eine Beeinträchtigung der Beurteilung zu vermeiden, wenn etwaiger Regen während des Festzuges Fackeln zerstört hätte, wurde die Prämierung der prächtigsten Bastelleistungen schon vor dem Fest veranstaltet und nachdem die Herstellung schöner Fackeln in den vorhergehenden Wochen fest zum Unterrichtsthema der Schulen erklärt wurde, konnten Jury und Bevölkerung über originelle ebenso wie künstlerische Schöpfungen wirklich erstaunt sein. So kam der Martinsabend mit seinem Zuge, den freundliches Wetter zu einer in langen Jahren kaum erlebten Festlichkeit gelangen ließ. St.Martin, in einer vollständig neuen römischen Offizierstracht, begrüßte die Tausenden Kinder im Hofgarten, wo diesmal endlich unbeeinträchtigt das große Feuer entzündet werden konnte. Wer kann sie beschreiben, die Formen und Farben, welche die kindliche Phantasie für ihren Ehrentag in ihren Fackeln ausgedrückt hatte. Über den wenig abgeänderten Zugweg wand sich die lange Lichterschlange der 15000 Kleinen bis zur Parade vor dem bunt angestrahlten Martinsreiter auf dem Marktplatz. Die Bonner Bevölkerung hatte diesmal besonders schön ihre Häuser geschmückt, sodass die Strassen einen herrlichen Anblick ergaben und tausende Menschen den Zug umsäumten. Ein fröhlicher Abend vereinte Tage nach dem Fest die besten Losverkäufer bei St.Martin. Erstmalig besuchte St.Martin in diesem Jahre die neue Kinderklinik auf der Koblenzer Straße was ebenfalls große Freude und Jubel bei den Kranken auslöste.
Am 10.November 1954 zogen etwa 13000 Schulkinder begünstigt durch gute Witterung durch die Straßen unserer Stadt Bonn. Die Aufstellung des Zuges erfolgte wiederum im Hofgarten rund um die große Wiese, auf deren Mitte ein mächtiges Feuer abgebrannt wurde. St.Martin auf dem Schimmel folgten die 18 Bonner Schulen mit Musik und Gesang; in der Mitte des Zuges der übliche Gänsewagen, welcher in diesem Jahre besonders geschmückt war mit einem Modell der Plastik des Martinsbrunnens, der früher in der Sürst am Münster gestanden hat. Sehr wirkungsvoll wurden die Figuren angestrahlt und es sollte eine Anregung für die Bürgerschaft sein, die Brunnenanlage wieder erstehen zu lassen. Die Fernsehübertragung der an St.Martin an der Rathaustreppe vorüberziehenden Kinder fand großen Beifall. Die Treppenanlage war geschmückt mit rot-blauen Lampions und besetzt mit fackeltragenden Kindern. Nach dem Zuge fand ein kurzer Empfang durch die leitenden Herren der Stadtverwaltung statt, und das Zugkomitee wurde aufgenommen. Anschließend lud St.Martin seine Mitarbeiter zum Tagesabschluss zu sich nach Hause. Prälat Stumpe dankte Hanns Roesberg und seinen Helfern für die geleistete Arbeit und für den wohlgelungenen Ablauf des Zuges. Die nachfolgenden Tage waren ausgefüllt durch die Besuche der Kinderheime, Krankenhäuser und des Waisenhauses. Die Kleinen waren begeistert über den Besuch von St.Martin, und die Schwestern waren bemüht, durch Darbietungen den Besuch zu verschönern. Jedes Kind erhielt den üblichen Weckmann. Der letzte Besuch galt der Provinzialanstalt, die ihren eigenen Martinszug durch die besonders großen Gartenanlagen veranstaltete. Auch hier spendete St.Martin den Kranken große Freude. Zusammenfassend war der Martinstag 1954 ein voller Erfolg. Die Verlosung der 60 Gänse erfolgte am Freitag den 19. November 1954 im Stadthaus. |
Auszug aus den Aufzeichnungen von Sebastian Dani über die
"Geschichte des Martinszuges in Bonn" von 1920 – 1977
Nach dem Krieg:
"Während der Kriegsjahre von 1940 bis 1945 fand der Martinszug nicht statt. Nach dem 2. Weltkrieg, im Jahre 1946, fand sich ein Häuflein Martinsfreunde zusammen, um den Martinszug wieder neu zu beleben".
..."Dieser Martinszug gestaltete sich zu einem wahren Volksfest. Viele Straßen unserer Stadt lagen noch voller Trümmer, an den Häusern sah man noch die Wunden des Krieges, den Zuschauern aber leuchtete die Freude aus den Augen, nicht allein wegen des Martinszuges, der wiedererstanden war, sondern auch weil der seelische Druck, den der unheilvolle Krieg bei allen hinterlassen hatte, gewichen war. Sogar einige Offiziere der englischen Besatzungsmacht, darunter der Stadtkommandant Oberst Brown, feierten mit uns das Martinsfest und freuten sich so wie wir über die gebastelten bunten Fackeln und die leuchtenden Kinderaugen, die im Fackellicht erstrahlten. Dieser erneute Auftakt hat gezeigt, dass unser Martinsfest in der Bonner Bevölkerung ein fester, bleibender Begriff geworden ist und jedes Jahr wieder alt und jung erneut begeistert. Die Kinder von damals, die mit ihren Fackeln singend im Martinszug mitzogen, stehen heute als begeisterte Zuschauer am Straßenrand und sehen — nun als Väter oder Mütter — ihre Kinder, so wie sie damals , mit der gleichen Freude und Begeisterung vorüberziehen. Und dieses wird sich — so Gott will — von Generation zu Generation fortpflanzen. Auch die Tradition, dass alle Kinder, die mit dem Zug gehen, einen Weckmann bekommen, ist bis heute erhalten geblieben. Es war schon — wie mit allem — nach dem totalen Krieg ein schwerer Anfang. Unsere Stadt lag Trümmern. Viele Bonner waren evakuiert und. kehrten jetzt zurück. Es wälzte sich unaufhörlich ein Flüchtlings- und Vertriebenenstrom auf uns in den Westen und so auch auf unsere Stadt zu. Sie hatten Haus, Hof und Heimat verlassen müssen und erhofften sich, hier eine neue Heimat und eine Existenz zu finden. Und wie man heute erfreut feststellen kann, haben sich die meisten von ihnen hier bei uns gut zurecht gefunden.
1946 gab es alles, was man zum Leben brauchte, Nahrung- und Kleidung nur auf Lebensmittelmarken und auf Bezugsschein, aber all das war nicht viel. Trotzdem sollten die Kinder traditionsgemäß ihren Weckmann haben. So habe ich das Mehl und die Zutaten zur Herstellung der Weckmänner erbettelt. Hier sei noch heute ein Lob und Dank gesagt der Bonner Auermühle für das Mehl und dem Lebensmittelamt unserer Stadt für Zucker und Fett. Somit konnten alle Kinder ihren Weckmann erhalten. Auch war es mühevoll, die Musik für den Martinszug zu besorgen. Ich erwähne dieses, weil sich viele nicht mehr an diese Zeit erinnern und weil die Jugend es nicht mehr erlebt hat.
Heute ist alles "Gott sei Dank" leichter, nur teurer geworden.
1950 konnte Josef Weiden sein 30 jähriges Jubiläum als St. Martin feiern. Im gleichen Jahr wurde auch der Ausschuß erweitert. Ihm gehörten nun an: Stadtdechant Prälat H.J.Stumpe, Rektor Matthias Frömbgen, Hans Roesberg, Rektor Josef Müller, Heinrich Kutsch, Rektor Hans Kreutzberg, Rektor Mann, Rektor Wickel, Stadtdirektor Sebastian Dani. Außer Herrn Protonotar Prälat Stumpe und mir ist keiner der vorgenannten mehr unter uns. 1951 ritt Hans Roesberg zum ersten Male als St. Martin durch unsereStadt.
Nun zum Ablauf des Zuges: Traditionsgemäß besucht St .Martin an mehreren Tagen mit seinem Gefolge — Pagen und Ausschussmitgliedern — die Kindergärten, Kinderhorte und Kinderheime sowie die Altersheime. Diese Besuche sind für alle Beteiligten ein Erlebnis besonderer Art. Und so wiederholt sich dieses schöne Fest von Jahr zu Jahr. Es ist der Eindruck vorhanden, als sei nichts geschehen — das 3. Reich, der Krieg mit seinen Folgen wie Inflation, Zerstörungen waren vergessen. Nur ein Kleinod war noch nicht wieder da, und zwar unser schöner Martinsbrunnen vor dem Münster. Die Figuren, die aus Bronze bestanden, waren für Kriegszwecke eingeschmolzen worden. Hans Roesberg und ich haben uns zur Aufgabe gemacht, den Brunnen wieder herzurichten. Zum Glück waren die Formen von allen Figuren noch auf dem städtischen Bauhof vorhanden. Die Figuren des Brunnens sind: Der große Gänsebub, der kleinere Junge, das Gänseliesel und vier Einzelgänse. Wir fanden in Köln auf der Neußer Straße die Bronzekunstgießerei des Meisters Peter May vor. Er übernahm dafür sofort den Auftrag und wir mussten nun dafür sorgen, daß wir Geld bekamen. Wir haben dann 11.419,- DM gesammelt, den Rest zahlten die Stadt Bonn und der Landschafts-Verband.
Das Steinmaterial am Brunnen ist Trachyt und der wurde gewonnen und bearbeitet vom Meisterbetrieb Johann Bell in Siershahn (Westerwald). 1958 war der Brunnen wiedererstanden und — seht ihn alle an — er ist wieder in alter Schönheit da wie früher.
Nach der Fertigstellung erhielt ich einen Brief aus Berlin von dem dort lebenden 62 jährigen Lektor Götschmann, er schrieb: "Ich habe meinem Vater — dem Bildhauer Götschmann — damals für den Gänsejungen Modell gestanden, und somit freue ich mich über die Wiederherstellung ganz besonders". Langsam begannen auch wieder die Ortsteile unserer Stadt (Poppelsdorf, Endenich, Dransdorf, Rheindorf, Kessenich und Dottendorf) das Martinsfest und somit die Martinszüge zu gestalten. Nach der Eingemeindung von Bad Godesberg von Duisdorf und Beuel im Jahre 1969 sind es heute etwa 20 Martinszüge, die sich am Martinus, am 11.November, entweder kurz vorher oder nachher durch die Straßen von Groß-Bonn bewegen, alle mit St. Martin zu Pferde.
Zusammenstellung über die Finanzierung und. die Kosten des Brunnens:
| Kosten |
Finanzierung |
| Baumann, Transport Brunnenschale |
295,- DM |
Spenden |
9,879,- DM |
| Bell, Siershahn, Brunnenschale |
7.187,- DM |
Stadt Bonn |
6.000,- DM |
| Kieserg, Steinmetzarbeiten |
2.981,- DM |
Stadt Bonn |
10.000,- DM |
| v.Rath, Restaurierung der Gussformen |
2.999,- DM |
Landschaftsverb. |
6.000,- DM |
| Guß Kinderfiguren und Gänse |
17.500,- DM |
Sammlung |
1.540,- DM |
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33,419,- DM |
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30.262,- DM |
Die Differenz wurde auf einem heute noch bestehenden Sparbuch festgelegt.
Nun zum Aufbau und zur Gliederung des Zuges:
Der Ausschuß, in dem jeder seine festgelegte Aufgabe zu erfüllen hat — alles ehrenhalber, das versteht sich von selbst — besteht aus folgenden Damen und Herren:
Der Pfarrer vom Münster ist Ehrenvorsitzender
| Hochwürden Stadtdechant Walter Jansen |
Vorsitzender |
| Stadtdirektor a.D. Sebastian Dani |
geschäftsführender
Vorsitzender |
| Apotheker Heinrich Kutsch |
Schatzmeister |
| Angestellter Peter Franken |
erster Schriftführer |
Rektor a.D. Karl Heinen
Rektorin Helma Klein |
verantwortlich für die Verlosung |
| Religionslehrer Bruno Hönig |
St. Martin |
| Schulrat a.D. Erich Oyen |
zweiter Schriftführer |
| Lehrer Büchel |
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| Kaufmann |
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| H.J.Friedrich |
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| Jugendleiterin Dietlinde Roemer |
Beisitzerin |
| Rektor Theo Winterscheid |
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| Hochw.Protonotar Prälat H,S,Stumpe |
Ehrenmitglied |
| Oberverw.rat Hermann Reifferscheid |
inaktives Mitglieder |
| Stadtverordneter Willi Kaiser |
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Der Ausschuß beginnt seine jährliche Vorbereitung im September.
Hier werden festgelegt:
1) Tag und Datum des Zuges
2) Besprechung beim Vorsitzenden, dem Herrn Stadtdechanten vom Münster
3) Termin zur Besprechung mit den Schulen und Kindergärten
4) Besprechung beim Straßenverkehrsamt
5) Tag der Verlosung
Zu 3) und 5): Raum, Uhrzeit und Datum müssen beim Büro Oberstadtdirektor festgelegt werden.
Zu 2): Dazu lädt der Stadtdechant vom Münster ein.
Zu 4) Beim Straßenverkehrsamt — Sachgebiet Straßenverkehrsangelegenheiten um Termin bitten, hier wird die Genehmigung für den Zug erteilt, der Zugweg festgelegt und die Absperrung besprochen. Von dem Amt werden dazu die Polizei, das Tiefbauamt und die Stadtwerke (wegen Bus- und Straßenbahnverkehr) eingeladen.
Nachdem dies alles festgelegt ist, bittet der Schriftführer die Uni um Erlaubnis für die Benutzung des Hofgartens und tritt an die Geschäfte und Firmenbüros heran, ihre Schaufenster oder Fenster dem Martinstag entsprechend zu beleuchten.
Der Zug nimmt Aufstellung ab 16.30 Uhr im Hofgarten, um 17 Uhr ist Abmarsch.
Zum ersten Male findet die Mantelteilung im Hofgarten auf der Wiese durch St. Martin statt. Alle Kinder können somit diesen Vorgang verfolgen.
Danach geht der Zug durch die festgelegten Straßen zum Marktplatz (Rathaus), an dem dort zu Pferde sitzenden St. Martin vorbei durch die Remigiusstraße zum Münsterplatz, wo sich der Zug auflöst. Nach der Auflösung des Zuges beginnt für die Kinder der 2.Teil an diesem Vorabend von St. Martin. Jetzt sieht man die Trüppchen von Geschäft zu Geschäft, von Haus zu Haus ziehen zum "Schnörzen". Viele ziehen mit vollen Tüten nach Hause. Beim "Schnörzen" wird gesungen: "Hier wohnt ein reicher Mann, der uns vieles geben kann...". Wer nichts gibt, wird mit dem Lied bedacht: " Et soss en Kroh ob dem Dach un pekt der Ahl e Oog us ... ". Auch dieses sollte man den Kindern lassen — nach dem Motto "es war immer so!"
Nach dem Vorbeimarsch bittet der Herr Oberbürgermeister den St.Martin und sein Gefolge — also den Ausschuß zu einem Empfang ins Rathaus.
Zum Abschluß dieses Tages trifft sich dann der Ausschuß mit dem Herrn Oberbürgermeister, dem Herrn Oberstadtdirektor, dem Herrn Polizeipräsidenten, dem Herrn Polizeidirektor und dem Leiter der Städt. Feuerwehr zum Martinsgans-Essen. Die Finanzierung des Zuges und die Beschaffung der Weckmänner, Musikkapellen usw. erfolgt aus dem Erlös der Verlosung und aus dem Zuschuß der Stadt (pro Schulkind im Bereich des Martinszuges in diesem Jahr 56 Pfennig).
Nachwort
Ich habe dies aus der Erinnerung aufgezeichnete und zwar aus folgenden Gründen:
Ich hoffe, damit einen kleinen Beitrag zu leisten für die uns Nachfolgenden.
Es sollte nicht vergessen werden, wie schwer es war, nach diesem unseligen Kriege Brauchtum zu erhalten und weiterzuführen.
Es ist nicht alles "Gold, was glänzt" - und so war es auch im Ablauf des Geschehens in der Bonner Martinszug-Geschichte. In den 50-er Jahren, (nachdem der Bund sich hier niedergelassen hatte) wurden Stimmen laut, es wäre nicht mehr zeitgemäß, den Zug durch die verkehrsreichen Straßen ziehen zu lassen. Wir sollten mit dem Zug am Rhein vorbei ziehen. Als Gegenargument haben wir eingewendet: "Was Du nicht willst, was man Dir tu', das füge auch keinem anderen zu" — ziehe Du an den Rhein mit Deinem Verkehr, dann bleibt die City für die paar Stunden für unsere Kinder im Martinszug und für die Bürger der anliegenden Straßen reserviert. Die Schlacht haben wir gewonnen und haben somit dem Wunsch und dem Willen der Begründer des Bonner Martinszuges von 1920 gemäß gehandelt. Ich appelliere hiermit an alle, respektiert auch in ferner Zukunft den Willen und die Gedanken der Gründer unseres Bonner Martinszuges, lasst das Anliegen dieser Männer in der hektischer Zeit nicht untergehen, pflanzt den Gedanken weiter fort.
In der Hoffnung, das noch vielen nach uns folgenden Generationen in Frieden dieses schöne Brauchtum für jung und alt in unserer Stadt erhalten bleiben möge, sei dieser Bericht allen Ausschußmitgliedern als Dank für ihre Tätigkeit für das St. Martinsgeschehen gewidmet."
Ihr
Stadtdirektor a.D., Oktober 1977
Nachsatz:
Sollten einmal unsere Nachfolger an unserer Tätigkeit etwas auszusetzen
haben, dann tut bitte folgendes: "Das Ungute unseres Tuns schreibt auf
fließendes Wasser. Das Gute aber schreibt in Marmor!"
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